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René Maric: Das visuelle System im Fußball.

Jüngst veröffentlichte Lars Lienhard einen Artikel zu den Augen / dem visuellen System. Dort führte der Neuroathletiktrainer aus, wie genau die Augen mit den unterschiedlichen Systemen interagieren. Das vestibuläre System ist zum Beispiel stetig in Verbindung mit dem visuellen System. Eine veränderte Kopf- und Körperposition wirkt sich auf beide Systeme aus, die wiederum miteinander agieren. Dies führt Lars in seinem Artikel ohnehin sehr gut aus, inkl. zusätzlicher Informationen zur Funktionsweise des visuellen Systems.

Häufig stellen sich aber für Laien natürlich die Frage, wie genau dies in einem spezifischen Sport aussieht und welchen praktischen Einfluss die Informationen aus der Neuroathletik haben. Darum soll dieser Artikel kurz ausführen, weswegen im Fußball – nach Etablierung einer individuellen Baseline (in vielen Bereichen fand auch die Psychologie Ergebnisse zur Heritabilität von über 40%) – das Training des visuellen Systems einen hohen Stellenwert haben sollte.

Wahrnehmung ist die Basis jeder Fußballaktion

Fast jede erfolgreiche Aktion im Fußball entsteht grundsätzlich über dasselbe Schema. Zuerst wird der Kontext wahrgenommen, danach wird mit diesem verbal wie non-verbal kommuniziert, auf Basis dieser Kommunikation folgt die Entscheidungsfindung, die Entscheidung wird dann funktional ausgeführt. Erfolgreiche Aktionen im Fußball entstehen immer nach diesem Muster. Man kann ohne Informationen aus der Umgebung keine Entscheidungen treffen, die korrekt sind. Man kann das Glück haben, dass eine Zufallsaktion erfolgreich endet – doch in einem korrekten Prozess wird sich oben geschildertes Schema konstant zeigen.

Fußballaktion - Sequenz

„Der Mensch ist kein Roboter, es geht um die neuronalen Kommunikationssysteme im Hintergrund.” (Lars Lienhard)

Dies zeigt auch, dass die Wahrnehmung die Basis für jede erfolgreiche Aktion ist. Im Fußball ist es z.B. das Umblickverhalten, welches bei vielen Fußballern enorm ausgeprägt ist und sie von schwächeren Fußballern abhebt. Indem man konstant die Umgebung scannt, kann man beispielweise offene Räume, freie Mitspieler oder möglicherweise gefährlich attackierende Gegenspieler erkennen. Eine frühzeitige Erkennung dieser Optionen gibt dem Spieler mehr Handlungsmöglichkeiten und macht ihn effektiver. Es verbessert die Entscheidungsfindung und erleichtert die technische Ausführung. Xavi Hernandez war eines der besten Beispiele dafür.

Vorteilhafte Wahrnehmung in der Praxis

Wie Lars in seinem Artikel bereits ausführte, soll das visuelle System grundsätzlich folgende Punkte erfüllen:

  1. Visuelle Präzision liefern
  2. Abschätzung der Tiefenrelation zu einem Objekt herstellen
  3. Sich optimal bewegen, zu Objekten wechseln oder Objekte verfolgen
  4. Optimales peripheres Sehen bieten

Exakt diese Aspekte sind entscheidend in der Wahrnehmung auf dem Fußballplatz – mit der mechanischen Umsetzung des korrekten Aufdreh- und Umblickverhaltens (welche allerdings ebenfalls wichtige neurologische Prozesse und Interaktionen besitzt). Ein verbessertes visuelles System kann obige vier Punkte verbessern. Gehen wir die möglichen Vorteile davon im Detail anhand praktischer Beispiele durch.

Die visuelle Präzision hilft beim genauen Einschätzen von Dynamiken. Ein Blick über die Schulter und der darauffolgende Umgebungsscan währen nur kurz. Die Spieldynamik erlaubt im Fußball nur sehr kurzzeitige Blicke, weil sich die Spielsituation konstant verändert, man durchgehend neu scannen muss und jederzeit eine andere Aktion benötigt wird. Es ist also eklatant wichtig, dass in diesem kurzen Zeitfenster die umliegenden visuellen Informationen möglichst akkurat aufgenommen werden. Verschätzt sich der Spieler in der Antizipation des gegnerischen Anlaufverhaltens, so können Fehlpässe und/oder Ballverluste entstehen.

Schlechtere Fußballaktion wegen geringerer visueller Präzision

Ein wichtiger Blick ist auch der Blick in die Tiefe und zu den Mitspielern, um optimale Positionierungen einzunehmen. Die Abschätzung der Tiefenrelation zu einem Objekt (wie nah oder fern ist ein Objekt) ist im Spiel mit Ball ebenfalls sehr wichtig, um die Pässe mit der korrekten Dynamik spielen zu können. Ein zu harter oder zu weicher Pass wird zu einer Gefahr, ein Pass mit der richtigen Geschwindigkeit zur Waffe. Auch gegen den Ball ist es wichtig, dass man gut abschätzen kann, ob und wo man einen Ball erreichen wird.

Tiefenrelation fehlabgeschätzt

Sich optimal bewegen, zu Objekten wechseln oder Objekte verfolgen ist wiederum im Blickverhalten wieder sehr wichtig. So gibt es bei hochklassigen Trainern für jede Position und spezifische Situationen ganz bestimmte Blickmuster, die sie sehen wollen. Das simpelste Beispiel dafür ist der Torwart im Spielaufbau. Ist der Ball auf einer Seite, muss er natürlich verfolgen, ob dieser Spieler gepresst wird und womöglich den Ball zurückspielen muss. Er wechselt seinen Blick also vom Ballführenden zuerst zum zentralen Spieler vor ihm, visiert dann in der gleichen Bahn die Tiefe an und blickt hinter sich, um eine mögliche Verlagerung auf die ballferne Seite zu erkennen. Scannt er diese Optionen korrekt ab, erhöht dies die Effektivität des Aufbauspiels enorm.

Ballferner Scan

Optimales peripheres Sehen ist ebenfalls entscheidend. Zwar fokussiert sich der Blick immer auf bestimmte Punkte – im letztgeschilderten Fall –, aber die dem Fokus umliegenden Informationen müssen ebenfalls aufgenommen werden. Blickt unser Torwart also zum Innenverteidiger, zum Sechser und Mittelstürmer, so kann er bei verbessertem peripheren Sehen auch besser erkennen, ob sich diese im Zugriffsradius eines Gegenspielers befinden. Schafft er das, kann er eine für die Mannschaft bessere Entscheidung herausführen.

Peripheres Sehen

Nicht nur taktisch eine Unterstützung

Die oben geschilderten Eigenschaften wirken sich fundamental aus, aber waren in den praktischen Beispielen bisher nur auf die taktischen Komponenten fokussiert. Hierzu möchte ich zwei Punkte erwähnen:

  • Durch die verbesserten taktischen Aspekte wird die darauffolgende Ausführung erleichtert. Es entstehen weniger Fehler, der Spieler wirkt technisch besser. Er spielt besser, das Team ist erfolgreicher.
  • Ein verbessertes visuelles System hilft beim Anvisieren des Balles und bei der korrekten Beobachtung des Balles in dynamischen Situationen. Das verbessert die technische Ausführung selbst, der Ball wird bei Pässen z.B. auf der richtigen Position mit dem richtigen Timing für die richtige Richtung und Geschwindigkeit getroffen. Der Spieler wird technisch sauberer und erfolgsstabiler. Erfahrungsberichte finden sich hier.

Das Training der Sensorik hilft außerdem bei der Motorik und somit natürlich der athletischen Leistung, ebenso wie bei der Verletzungsprävention und somit der langfristigen Spielerentwicklung. Die Verbesserung des visuellen Systems hilft übrigens auch bei der Beidfüßigkeit und der Ausführung von Standardsituationen; einem unterschätzten Bereich im modernen Fußball.

Technische Unsauberkeit

Fazit

Das Ziel von sämtlichen visuellen Trainingsmaßnahmen ist, dass sich individuelle und spezifische, positive neuroplastische Veränderungen im Gehirn ergeben. Seien es Veränderungen im Bereich der motorischen Augenkontrolle, der Geschwindigkeit der Wahrnehmungs- und Interpretationsprozesse oder einer verbesserten peripheren Wahrnehmung.

Dieses Zitat stammt von Lars Lienhard selbst aus seinem letzten Artikel. Für den Fußball sind diese Aspekte enorm wichtig und hilfreich. Das Gehirn ist immerhin aus dem Bedürfnis von Organismen zur Steuerung von Bewegungen entstanden. Deswegen müssen wir das Gehirn bei der Verbesserung unserer Bewegungssteuerung – in all seiner Ganzheitlichkeit und Komplexität – unterstützen. Ein logischer Schluss als Argument für Neuroathletik. Die Entwicklung geht bereits dahin, wie Constantin Eckner ausführte. Für den Fußball der Zukunft – und den erfolgreichen Trainer – wird die Neuroathletik eine wichtige Rolle spielen (müssen).