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SPORTSCHAU: Auch das Gehirn muss bei Verletzungen heilen!

Hier das von Lars Lienhard und Martin Weddemann autorisierte SID Interview in voller Länge, das am 18.02.2016 u.a. bei sportschau.de unter dem Aufmacher ‘Auch das Gehirn muss bei Verletzungen heilen’ erschienen ist.

Sportwissenschaftler Lars Lienhard (44) ist der führende Experte für neuronal gesteuertes Athletiktraining in Europa. Er gehörte 2014 vor und während der Fußball-WM in Brasilien zum Trainerstab des DFB. Er bereitet zum dritten Mal deutsche Top-Athleten auf Olympische Spiele vor und arbeitet zudem mit zahlreichen Profifußballern.

Lienhard sagt, dass die Verletzungsmisere beim FC Bayern weder Pech noch Zufall sei. Er behauptet, dass immer wiederkehrende, bewegungsinduzierte Verletzungen Folge eines systematischen Fehlers in der Bewegungs- und Belastungssteuerung der Spieler sind, insbesondere der Rekonvaleszenten.

SID: “Herr Lienhard, vor allem beim FC Bayern München ist derzeit die große Zahl von Verletzungen auffällig. Ist das einfach nur Pech?

Lars Lienhard (44, Sportwissenschaftler): “Im Fußball ist die hohe Anzahl der wiederkehrenden Muskelverletzungen ohne Fremdeinwirkung ja generell auffällig. Wir nennen diese Verletzungen bewegungsinduziert. Wenn solche immer wieder auftreten, wenn einfach etwas reißt oder bricht, kann man nicht von Pech oder Zufall sprechen. Dann liegt es nahe, dass systematische Fehler in der Belastungs- und Bewegungssteuerung der Spieler die Ursache sind.”

SID: “In München wurde im Zuge der Verletztenmisere der Ärztestab ausgetauscht – ohne Erfolg. Zuletzt wurde deshalb Pep Guardiolas Trainingssteuerung hinterfragt. Zurecht?”

Lienhard: “Mich konkret zu einem Verein zu äußern, wäre anmaßend. Das steht mir nicht zu. Zumal man davon ausgehen darf, dass auf diesem Niveau Topleute am Werk sind. Ich will generell antworten: Wer eine solche Verletzungsfrequenz an den Vereinsärzten oder dem Cheftrainer festmacht, greift viel zu kurz. Ärzte diagnostizieren, operieren, überprüfen – Cheftrainer steuern das sportspezifische Training.”

SID: “Wo also würden Sie ansetzen?”

Lienhard: “Entscheidend ist aus meiner Sicht die Zeit nach dem Eingriff oder der Therapie-Entscheidung bis zum Tag, an dem der Spieler ins Mannschaftstraining zurückkehrt: Also das Reha-, Aufbau- und Belastungsmanagement in der Zwischenzeit.”

SID: “Holger Badstuber zog sich seine Knöchelfraktur im Training zu – ohne Körperkontakt. Besteht aus ihrer, aus neurowissenschaftlicher Sicht ein Zusammenhang mit seinen vorherigen Verletzungen?”

Lienhard: “Das ist naheliegend, ja. Das muss aber nicht heißen, dass früher beschädigte Muskeln oder Knochen nicht wieder verheilt sind. Wenn ein Gewebe verheilt ist, sind halt oftmals noch lange nicht die Ursachen für die Verletzung behoben, nämlich die Aktivitätsmuster im Gehirn und die dadurch im Körper zu findenden Kompensationsmuster.”

SID: “Was bedeutet das konkret”?

Lienhard: “Bei immer wiederkehrenden Verletzungen liegen stets auch neuronale Steuerungsprobleme im Hintergrund vor. Man kann eben erst von einem erfolgreichen Rehabilitationsprozess sprechen, wenn auch die Software, also der Bewegingsplan im Gehirn, der hinter der Verletzung steht, mit korrigiert wurde.”

SID: “Das hieße: Spieler wie Badstuber werden schutzlos in eine schnelle Drehung, einen Zweikampf, einen Sprint oder eine Grätsche geschickt – und verletzen sich wieder?”

Lienhard: “Ja. Ohne eine neuronale Reprogrammierung parallel zur Reha sind Folgeverletzungen vorprogrammiert. Jemand, der eine so lange Verletzungshistorie aufweist, ist quasi wie ein Schutzreflex auf zwei Beinen. Wenn das Gelenk unter schlechter neuronaler Kontrolle ist und man dann im Rasen hängen bleibt, bricht es viel eher, als wenn jedes Gelenk im Fuß unter perfekter Kontrolle ist. Denn dann fehlt – wenig verwunderlich – der nötige Input aus dem betroffenen Fuß, aus den Gelenken, Sehnen, Bändern und Muskeln.”

SID: “Und das ist ausgeschlossen, wenn nach einer Verletzung die ‘Bewegungssoftware’ neu programmiert wird?”

Lienhard: “Natürlich kann ein Bruch auch mit neuronaler Kontrolle durch eine heftige Gewalteinwirkung von außen – ein brutales Foul – passieren, aber ohne Fremdeinwirkung brechen Knochen nicht so schnell, es sei denn, es ist keinerlei Kontrolle vorhanden.”

SID: “Neuronale Kontrolle – bitte erklären Sie das.”

Lienhard: “Konventionelle Reha- und Athletiktrainingskonzepte sind biomechanisch und symptomorientiert ausgerichtet. Nicht neuronal. Diese Trainingssysteme basieren auf der Formel: ‘Das haben wir gefunden und das ist der mechanische Hintergrund’. Es soll also ein Symptom behandelt und ein biomechanischer ‘Idealzustand’ erreicht werden, ohne beispielsweise auch neuronale Hintergründe einer Muskelverletzung überprüft zu haben. Um diesen Soll-Zustand zu erreichen werden dann oft pauschale ‘One-Fits-All’-Therapieansätze oder Trainingsprogramme genutzt.”

SID: “Und das ist falsch?”

Lienhard: “Ja. Denn das Resultat ist, dass sich Reha-Prozesse im schlimmsten Fall stark verzögern und oftmals in unmittelbare Folgeverletzungen münden. Es gibt im Fußball genügend Beispiele, die eine Biografie von schweren Folgeverletzungen aufweisen. Das ist kein Pech! Der Mensch ist kein Roboter. Es geht nicht nur um die Heilung des geschädigten Gewebes, sondern vielmehr um die neuronalen Systeme, also die ‘Bewegungssoftware’ im Gehirn. Bewegungsprobleme und Schmerzen unterliegen letztlich den gleichen Mechanismen wie Verletzungen, nur dass sie noch nicht passiert sind.”

SID: “Das Gehirn entscheidet über Verletzungen?”

Lienhard: “Das Gehirn ist unsere bewegungssteuernde Instanz, Ausgangspunkt für jegliche Analyse von Bewegung und Verletzungen, und sollte daher Ausgangspunkt für alle Reha- und Athletikprogramme sein.”

SID: “Was sollte also getan werden?”

Lienhard: “Vor jeder Trainingsmaßnahme sollten zuerst die defizitären neuronalen Strukturen im Hintergrund von Leistungsdefiziten, Schmerz- und Verletzungsproblematiken behoben werden, bevor sich der Fokus wieder auf Reha- oder Performance-Training richtet. Nur geschieht das leider nicht.”

SID: “Und was ist die Konsequenz daraus?”

Lienhard: “Findet dann über längere Zeit noch eine falsche, rein kraftlastige Reha verbunden mit einem falsch gesteuerten Athletiktraining im Anschluss statt, sind Folgeverletzungen höchstwahrscheinlich.”

SID: “Dann ist eine hohe Verletzungsfrequenz weder Pech noch zwangsläufig die Folge der hohen Belastung, insbesondere jener der Topteams, die in mehreren Wettbewerben gefordert sind?”

Lienhard: “Selbstverständlich haben vor allem die Topteams einen hohen Trainings- und Wettkampfaufwand. Regeneration ist extrem wichtig. Vor allem die Bewegungsapparate angeschlagener oder aus einer Verletzung kommender Spieler sind überfordert, wenn das Gehirn als bewegungssteuernde Instanz schlechtes Signal-Feedback aus dem Körper bekommt. Jede Verletzung ist individuell und jeder Athlet hat eine individuelle Verletzungshistorie – beides muss bedacht werden.”

SID: “Das heißt?”

Lienhard: “Man sollte im Zuge eines Reha-Prozesses sogar die Verletzungssituation so gut wie möglich neuronal aufarbeiten, remodulieren und dort ansetzen, wo die Steuerung unmittelbar versagt hat. Pauschal-Lösungen sind nicht zielführend.”

SID: “Das bedeutet konkret?”

Lienhard: “Kaum jemand kommt zum Beispiel auf die Idee, eine Sprunggelenksverletzung mit einer vorherigen Kopf-, Knie-, Leisten, oder Bauchmuskelverletzung zu assoziieren, doch gibt es hier häufig enge neuronale Verbindungen. Und wenn doch jemand auf die Idee kommt, werden diese Strukturen häufig nicht ganzheitlich austherapiert, sondern zu früh viel zu starker, rein biomechanisch gesteuerter Belastung ausgesetzt, ohne die bewegungssteuernden, neuronalen Komponenten zu berücksichtigen. Die zu simple Erklärung lautet dann meist: Pech! Glasknochen! Übertraining!”

SID th

Bildquelle: imago